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Der Ball ist rund...

... und hat halt Rasseln.

Interview mit Lukas Smirek, Softwareentwickler bei The Quality Group und in Fußallerkreisen der "kleine Chinesen aus Schwaben" genannt, über Blindenfußball, seine Erfolge im Verein und in der Nationalmannschaft.

Veröffentlicht in: DiALOG - DAS MAGAZIN FÜR ENTERPRISE INFORMATION MANAGEMENT | 2020

Redaktion: Wie bist du zum Blindenfußball gekommen?

Smirek: Im 9. und 10. Semester habe ich in den USA studiert. Weil in der USA die Semester zeitlich etwas verschoben sind, bin ich 2009 mitten im deutschen Semester zurückgekommen und hatte Zeit. Ein Studienkollege, der auch blind ist, hatte mit Blindenfußball angefangen und lag mir, als ich noch in Amerika war, schon die ganze Zeit in den Ohren: „Mensch, das wäre bestimmt was für dich! Das ist so cool und so toll…“  Ich habe mir das am Anfang nicht wirklich vorstellen können. Aber als ich dann aus Amerika zurückgekommen bin, hatte ich relativ viel Zeit und bin dann einfach mal in Stuttgart ins Training gegangen. Und habe da dann relativ schnell Fuß fassen können.

Redaktion: Du hast also gleich gemerkt, dass es dir liegt?

Smirek: Ja, schon relativ schnell. Ich habe schon von den koordinativen Sachen wie Schwimmen und Tanzen, die ich früher wettkampfmäßig gemacht habe, gezehrt. Und ich hatte Ausdauer vom Laufen. Eine Sache, die ich am Blindenfußball auch so cool finde, ist, dass auf der einen Seite die blinden Spieler ganz klar autonom sind und ihre eigenen Entscheidungen treffen müssen. Auf der anderen Seite aber spielst du mit Sehenden in einer Mannschaft zusammen.

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Redaktion: Wie ist das Einzugsgebiet bei euch? Beschränkt sich das auf Stuttgart?

Smirek: Ja, also die nächste Mannschaft ist in Straßburg. Straßburg, Würzburg, Marburg sind die nächsten Vereine. Bei mir war es in Studentenzeiten so, dass ich aus Karlsruhe gependelt bin.

Redaktion: Welche Rolle spielen die Sehenden beim Blindenfußball?

Smirek: Es gibt drei Sehende: Torwart, Mittel- und Tor Guide. Die Regel lautet, dass immer der Sehende, in dessen Drittel der Ball ist, die Kommandos geben darf. Natürlich dirigiert der normal sehende Torwart auch seine Abwehr. Sprich, der sieht natürlich schneller, als wir es hören, auf welche Seite z.B. der Ball abgeworfen wird. Der Mittel Guide erkennt, wenn sich eine Spielverlagerung anbietet oder wenn man jetzt einfach gehen soll. Der Tor Guide gibt den Stürmer Anhaltspunkte im Angriffsdrittel und die Distanz zum Tor. Die Sehenden können grundsätzlich nur grobe Anhaltspunkte geben, die letztliche Entscheidung aber welchen Laufweg man wählt, wie du dich zum Beispiel im Zweikampf durchsetzt, was für eine Finte du machst. Das sind alles Sachen, die eben beim Spieler liegen und die der Spieler autonom entscheiden muss.

Redaktion: Wie viele Clubs gibt es in der Bundesliga?

Smirek: In der Liga sind es 6 Clubs, aber wir hatten auch schon 9 in der Liga.

Redaktion: Gehört der Blindenfußball zum DFB oder ist das ein eigener Verband?

Smirek: Das geht jetzt ins Politische rein... Die Liga wird unter anderem von der Sepp-Herberger-Stiftung getragen. Sepp Herberger war der Trainer, der 1954 zum ersten Mal Weltmeister mit Deutschland geworden ist. Die Sepp-Herberger-Stiftung kümmert sich allgemein um Inklusion beim DFB. Ein weiterer Träger der Liga ist der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) mit dem Dachverband Deutsche Behindertensportverband (DBS). Wir sind jetzt bei der Europameisterschaft nicht mehr in DFB Trikots, sondern in DBS Trikots aufgelaufen.

Redaktion: Ah. ok. War das in der Vergangenheit anders?

Smirek: Ja, das war in der Vergangenheit anders und das ist in der Tat ein Stück weit ein Politikum.

"In Deutschland spielen hochgradig Sehbinderte und Blinde in der gleichen Liga. Damit keiner Vorteile hat, tragen wir die Dunkelbrillen. Darunter haben wir dann auch noch Augenpflaster. "

Redaktion: Das heißt aber, wenn ihr so ein Ligaspieltag habt, werden die Spiele dann auch kommentiert?

Smirek: Ja, genau und alles wird mittlerweile auch übers Internet gestreamt.

Redaktion: Und ihr müsst alle eine Dunkelbrille tragen?

Smirek: In Deutschland spielen hochgradig Sehbinderte und Blinde in der gleichen Liga. Damit keiner Vorteile hat, tragen wir die Dunkelbrillen. Darunter haben wir dann auch noch Augenpflaster.

Redaktion: Wir haben da ein Zitat gefunden… der "kleine Chinese aus Schwaben" - wer sagt das? Die Presse? Der Kicker?

Smirek: Ich weiß nicht, das ist eher blindenfußball.de. oder so [lachen]. Nein, als ich damals angefangen habe, ist unser Trainer gerade von der Europameisterschaft zurückgekommen und hat relative viele neue Erkenntnisse hinsichtlich Spieltechnik mitgebracht. Es gibt beim Blindenfußball einen ganz speziellen Dribbelstil, mit dem wir den Ball führen, wir ziehen quasi mit jedem Schritt den Ball so zwischen den Füßen hin und her. Die Chinesen haben das perfektioniert, klar, das ist einfach etwas, was man drillen kann. Und ich war damals quasi einer der ersten in Deutschland, der auch an diesem Dribbelstil gearbeitet hat und den erlernen konnte. Und dann ist einfach dieses sichere Balldribbeln mein Markenzeichen geworden.

Redaktion: Das heißt, davor habt ihr dann nicht so eng gedribbelt?

Smirek: Genau. Na ja, schon so eng, aber es war dann einfach oft eher "zahm ", nicht so eine direkte Vorwärtsbewegung, dieses extreme Hin- und Herschlagen des Balles zwischen Füssen und den Ball laufen zu lassen, das war schon das Neue. Und auch die Sicherheit den Ball über lange Strecken führen zu können.

Redaktion: Wann wurdest du das erste Mal für die Nationalmannschaft nominiert?

Smirek: Die Nominierung ging ziemlich schnell, da damals unser Vereinstrainer auch der Bundestrainer war, der dann schon entsprechend früh im Training, die Fortschritte gesehen und mich in die Nationalmannschaft mitgezogen hat. Der hat mich dann tatsächlich 2009 nach einem halben Jahr zum ersten Mal eingeladen.

Redaktion: Und da gibt es dann auch Lehrgänge?

Smirek: Ja, genau. Die sogenannten Leistungslehrgänge, so über den Daumen 10 Stück im Jahr? Dann gibt es immer wieder Länderspielwochenenden. Bei der Europameisterschaft gibt es eine A- und eine B-Gruppe, wie im Eishockey, und du hast dann das Europameisterschaftsturnier, inzwischen mit 10 Mannschaften, die letzten beiden steigen in die B-Gruppe ab. Zwei Jahre später hat erst die B-Gruppe ihr Turnier, die ersten beiden aus der B-Gruppe steigen dann eben auf und dürfen dann in der A-Gruppe mitspielen. Die Europameisterschaft ist bei uns alle zwei Jahre und immer im Folgejahr ist dann das große Weltturnier, d.h. Weltmeisterschaft oder Paralympische Spiele. Und dafür ist die Europameisterschaft dann das Qualifikationsturnier.

Redaktion: Habt ihr euch schon mal für ein Weltturnier qualifiziert?

Redaktion: Das heißt, wenn ihr euch 2014 für die WM qualifiziert habt, ward ihr dann Europameister oder Vize-Europameister?

Smirek: Nein, da haben wir das Spiel um Platz 3 verloren, aber die WM ist größer als die Paralympics, die Paralympischen Spiele haben nur 8 Mannschaften und die WM wird mit 12 bzw. inzwischen sogar mit 16 Mannschaften ausgetragen und da hat dann eben der 4. Platz gereicht.

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Redaktion: War dies der größte internationale Erfolg von der deutschen Mannschaft und von Dir?

Smirek: Die Frage ist, wie man es einordnet... der vierte Platz bei der EM war natürlich schon ein großer Erfolg. Aber das wir bei der Weltmeisterschaft in Tokyo das Viertelfinale erreicht haben… Dieses WM-Jahr und vielleicht schon ein halbes Jahr vorher, also 2014 war das Jahr, in dem ich meinen Durchbruch geschafft habe. Und speziell bei der WM habe ich ein Turnier von einem anderen Stern gespielt habe…

Redaktion: Das wird so zitiert, Lukas. Und da seid ihr dann bis ins Viertelfinale gekommen?

Smirek: Ja, genau und dann gegen den amtierenden und zukünftigen Weltmeister Brasilien ausgeschieden.
Es war ein Mega-Erfolg bei der WM, dass wir gegen Spanien, den amtierenden Europameister ein Unentschieden erkämpft hatten und dann kam die Regenschlacht von Tokyo gegen Argentinien. Wir mussten beim letzten Gruppenspiel gegen Argentinien, damals Vize-Weltmeister, unentschieden spielen. Brasilien, China, Argentinien, das sind zu uns ein bis zwei Klassen Unterschied, da in diesen Ländern die Nationalspieler Vollprofis sind, die vom Blindenfußball leben können und damit natürlich auch ganz anders Trainieren können.

"Wenn wir das Ding jetzt durchbringen, dann sind wir im Viertelfinale. Die Anführungsrufe, der Ruf „die sind mit allen vier Mann im Strafraum“… das war sicherlich einer der emotionalsten Momente."

Redaktion: Wo du dich immer daran erinnern wirst...

Smirek: Ja, unbedingt. Da bin ich über mich hinaus gewachsen in diesem Turnier. Es war David gegen Goliath, wir haben uns dagegengestemmt. Es gibt da so ein paar Szenen, die mir wirklich immer noch im Kopf sind. Ich bin da wirklich in diesen berühmten Flow reingekommen. Eine Szene ist, ich habe hinten den Ball und gehe dann los, werde im Mittelfeld angegriffen, also Sohle auf den Ball und mache einen Stopp aus dem vollen Sprint. Ich höre diesen Argentinier, wie er auf dem nassen Boden zwei drei Meter an mir vorbeischlittert und ich dann einfach perfekt in die andere Richtung abdrehen kann. Das ist wirklich eine Szene, die mir unvergessen bleibt. Wir hatten das Spiel eigentlich schon fast durch, 5 Minuten vor Schluss, es kommt ein Angriff von den Argentiniern und sie schießen ein Tor. Man hat wirklich gemerkt, wie die komplette Mannschaft so richtig zusammenbricht. Aber dann ist das Tor zurückgenommen worden, weil er halb gefallen ist und sich im Fallen mit der Hand den Ball vorgelegt hat. Damit ging es nicht bei 1:0, sondern bei 0:0 weiter. Zuerst hast du dieses Zusammensacken und dann das Aufrichten, das hat jeder gespürt, das war wirklich der Wahnsinn. So eine halbe Minute vor Schluss gab es dann nochmal eine Ecke für Argentinien und von der Bank die Ansage: „Männer, die sind nochmal mit allen vier Leuten im Strafraum vorne.“ Wir hatten einen deutschen Fanclub von gerade Mal vier Leuten, aber dann ist von der Tribüne „Deutschland, Deutschland“ runtergekommen. Du stehst bei dieser Ecke - das war wirklich einer der Momente, wo ich mit den Tränen gekämpft habe -, musst dich auf den Ball konzentrieren und weißt, du bist noch eine halbe Minute von dem Erfolg weg. Wenn wir das Ding jetzt durchbringen, dann sind wir im Viertelfinale. Die Anführungsrufe, der Ruf „die sind mit allen vier Mann im Strafraum“… das war sicherlich einer der emotionalsten Momente.

Redaktion: Und du spielst und trainierst nach wie vor regelmäßig? Oder hat sich durch Beruf oder Familie Deine Situation soweit geändert, dass du nicht mehr so oft trainieren kannst?

Smirek: Ja. Ich habe letztes Jahr im Herbst die Europameisterschaft gespielt, die leider nicht gut war, da ich krank geworden bin. Aber eigentlich war schon ein halbes Jahr vorher klar, ich will noch mal dieses internationale Turnier machen - habe mich da auch entsprechend reingehängt - und danach ist dann Schluss, weil es einfach mit Beruf und jetzt 1,5 Jahre altem Kind zu Hause nicht mehr geht. Und man muss auch sagen, dass vom Leistungsniveau und auch von den Ansprüchen her es kein Vergleich mehr ist zu den Zeiten als ich 2009 angefangen habe. Im Sommer bist du drei von vier Wochenenden weg. Im Extremfall hast du Dienstag Vereinstraining, Donnerstag Vereinstraining, Freitagnachmittag fährst du dann auf den Leistungslehrgang und kommst Sonntagabend zurück und sobald etwas davon ausfällt, schiebt man eine Athletikeinheit ein. Das kannst du vielleicht noch auf den letzten Höhepunkt hin leisten, aber danach eben nicht mehr.

Redaktion: Und deine Vereinskarriere betreibst du weiterhin?

Smirek: Ja, genau, noch ein Stückchen, mal gucken.

Redaktion: Lukas, vielen Dank für das Gespräch, weiterhin Erfolg in deiner Fußballkarriere und alles Gute für dich und deine Familie.