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Alles Web oder was?

Wie Web-Technologien die Unternehmens-IT durchdringen

Prof. Dr.-Ing. Thorsten Riemke-Gurzki
Veröffentlicht in: DiALOG - DAS MAGAZIN FÜR DEN DIGITALEN WANDEL | 2021


Ja, es gab sie: Die Zeit vor dem Web. Wirklich, ganz früher. Früher, als alles besser und IT noch Elektronische Datenverarbeitung war. Und als Midrange Computing mit Mittlere Datentechnik übersetzt wurde. Und Software-Entwicklung aufwändig und teuer war. Mitte der 90er wurde die Ära des Client/Server-Computings ausgerufen. Ein völlig neues Konzept sollte die IT-Welt erobern und die Infrastruktur dezentralisieren. Bill Gates zeigte 1994 der Welt in seiner Comdex Keynote wie die Welt 2005 aus seiner Sicht aussehen werden wird. Aber Moment! Da war doch ein kleines unbedeutendes Ereignis vorher. Und zwar genau da, wo manche vermuten, dass dort kleine Schwarze Löcher hergestellt werden, die unsere Erde am Ende dann endgültig auffressen werden. Richtig: In der Schweiz am Kernforschungszentrum CERN. Da erfanden und entwickelten Tim Berners-Lee und Robert Cailliau ein verteiltes Hypermedia-System, dass das Wissensmanagement verbessern sollte. Dokumente, verlinkt auf andere Dokumente und das noch verteilt auf mehrere Rechner. Da die Dokumente untereinander vernetzt waren, hieß es zunächst noch Mesh, dann aber bald WorldWideWeb. Damals tatsächlich noch ohne Leerzeichen.

Riemke-Gurzki, Alles Web oder was?

Und das war ein Client/Server-System. Die Idee verbreitete sich recht schnell weltweit in der Hochschul- und Forschungslandschaft und bald kamen auch erste multimediale Angebote hinzu. So etwas wie die Trojan-Room Coffee Machine Webcam, die zwischen 1993 und 2001 den Füllstand einer Kaffeemaschine an der Universität Cambridge zeigt. Das war übrigens vorher technisch gar nicht möglich, denn das junge World Wide Web (jetzt mit Leerzeichen) kannte zunächst schlicht keine Bilder. Die Kaffee-Website der Hochschule ist legendär und ist ein Meilenstein, den wohl jeder kennt, der die damalige Zeit miterlebt hat. Aber sie war kein Gag. Sie war eine echte Anwendung, die einen realen Nutzen brachte: Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnten jederzeit den Füllstand der Kanne einsehen. Und wenn die Kanne in der Webcam sichtbar leer war, zum Raum gehen und selbstlos für die Kolleginnen und Kollegen neuen Kaffee kochen. Oder so ähnlich. Bald kamen auch erste Gehversuche im E-Business hinzu. Zum Beispiel eine Pizzeria die eine Online-Bestellseite anbot. Die Bestellung bestand aus einem langen Text-Formular, bei dem heutige, Wizard-gewöhnte Nutzer, jeden Elan verloren und die Website bei dem noch nicht erfundenen Google negativ bewertet hätten. Aber aus der ernsten Idee am CERN und den vielen spielerischen Experimenten hat sich über die mittlerweile mehr als drei Jahrzehnte eine der größten Wissensquellen und – wenn man es so sehen mag – die größte Applikation der Welt entwickelt. Web-Technologien bilden heute die Grundlage für alle Arten von Angeboten im Internet. Auch in der betrieblichen Nutzung sind Web-Technologien nicht mehr wegzudenken. Hier kommt als erstes natürlich das Intranet ins Spiel. Aber das Intranet ist heute mehr als eine Informationsplattform.

Ja, es gab sie: Die Zeit vor dem Web. Früher, als alles besser und IT noch Elektronische Datenverarbeitung war.

Der Web-basierte Digital Workplace soll für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alle für die täglichen Arbeiten erforderlichen Werkzeuge beinhalten. Eine Vision, die in immer größeren Umfang wahr wird. Web-Technologie ermöglicht eine Reduzierung von Software auf dem Desktop-Rechnern der Mitarbeiterinnen und Mitareiter und eine gewisse Unabhängigkeit von Betriebssystemen. Damit werden traditionell als „gesetzt“ definierte Betriebssysteme ersetzbar. Aus Sicht vieler IT-Abteilungen ist das Intranet (oder der Digital Workplace) eine Infrastrukturkomponente, die es erlaubt hierauf einfach und schnell Applikationen zu entwickeln und im Unternehmen bereit zu stellen. Style-Guides und grundlegende Funktionen, wie Authentifizierung existieren dort bereits und müssen nicht neu erfunden werden. Und ein weiterer praktischer Vorteil: Es gibt viele gut ausgebildete Fachkräfte für Web-Anwendungen. Die Web-Entwicklung ist effizient.

Ich durfte in einem Fachvortrag in den frühen 2010er Jahren die Aussage erleben: „Vergesst das Web. Das Web ist tot. Alles ist App.“ Mausetot, hätte man da direkt meinen können. Heute spielen Apps selbstverständlich eine große Rolle, aber mobile Webseiten sind unabdingbar. Viele Apps werden mit Cross-Plattform-Frameworks erstellt, die auf den Web-Technologien basieren. Die damit entwickelten Apps laufen dann nativ auf Googles Android und Apples iOS. Die bekannten Web-Technologien schaffen also auch hier eine Brücke, mit der sich andere Entwicklungsplattformen schwer tun. Ja und dann bleibt da noch die klassische Desktop-Anwendung. Auch hier geht der Trend zu Cross-Plattform-Entwicklung z.B. für Windows, Mac und auch Linux. Das wird auf traditionellem Weg mit einer etablierten Programmiersprache der Wahl und einem Cross-Platform Framework für die Oberfläche realisiert. Oder die Anwendung wird gleich mit Web-Technologien umgesetzt. Als Server-basierte Anwendung oder als installierbare Desktop-Anwendung. Letzteres ist mit dem Electron-Framework möglich. Die Anwendung wird mit Web-Technologien entwickelt und dann mit einem Browser paketiert ausgeliefert. Für die Nutzerinnen und den Nutzer ist dies ohne weitere Fachkenntnisse nicht direkt ersichtlich. Auch hier bilden Web-Technologien die Grundlage für Cross-Plattform-Anwendungen. Und vielleicht nutzen Sie Web-Technologien auf dem Desktop bereits ohne es bemerkt zu haben: Skype, Slack, Microsoft Teams sind nur einige Beispiele von vielen. Unter der Haube: Web. Für die Zukunft stellt sich daher die Frage: Alles Web oder was? Die Frage ist tatsächlich nicht ganz einfach zu beantworten. Alles wird sicher nicht „Web“ werden können, weil es technisch geringe oder keine Vorteile bietet. Je bedeutungsloser die Nutzung eines konkreten Betriebssystems wird, je mehr die Anforderung einer Systemunabhängigkeit besteht, desto wichtiger werden Cross-Plattform-Technologien für die Entwicklung. Und Web-Technologien bieten all das bereits heute. Danke Sir Tim Berners-Lee und Robert Cailliau. Was würden wir wohl heute ohne das Web und Web-Technologien machen?

Prof. Dr.-Ing. Thorsten Riemke-Gurzki ist Professor für Web-Technologien, insbesondere Unternehmensportale/Intranet und Usability. Er forscht und lehrt im Studiengang Online-Medien-Management an der Hochschule der Medien Stuttgart. Zuvor war er in der Beratung u.a. für die SAP Deutschland und für das Fraunhofer IAO tätig.

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