Weihnachtsträume(r)?

Eine Business-Christmas-Story 2018 - Namen und Abkürzungen sind rein zufällig gewählt – Prost!

Die Situation: Das Weihnachtsfest ist in greifbarer Nähe. Ist schon wieder ein Jahr vergangen?


Wie jedes Jahr in der heißen Phase der Weihnachtsvorbereitungen kümmert sich der Chef persönlich um Motivation, Leidenschaft und Durchhaltevermögen, denn die Teamarbeit ist in dieser Jahreszeit das Wichtigste. Das Ziel ist klar, die Erwartungshaltungen der Kinder sind formuliert und alles ist möglich, nur eine Verschiebung ist ausgeschlossen. Der Alte ist in die Jahre gekommen, aber seine imposante Statur hat er auch dieses Jahr wieder sorgfältig gepflegt. Der Bart ist gestriegelt, wie immer so weiß wie eine Schäfchenwolke im strahlend blauen Himmel. Den purpurroten Mantel haben die Wichtel jedoch um einiges anpassen müssen, nachdem er aus dem wohlverdienten Sommerurlaub zurückgekehrt ist. Insgesamt also in bester Form macht er sich soeben auf den jährlichen Rundgang zu seinem Team, um letzte Eindrücke über den Ist-Zustand des diesjährigen Projektes zu erhalten.

Mit einem letzten Kontrollblick auf sein allseits beliebtes Outfit stapft er los. Nach wenigen Schritten durch die ruhige glitzernde Winterlandschaft erreicht er den Rentierstall. Die Tür schon einen Spalt geöffnet, strömt der liebliche Duft des süffigen Weihnachtsgesöffs in seine weit geöffneten Nüstern, die seine angespannte Erwartung sofort in eine genüssliche Stimmung umkehren lässt. In den letzten Tagen hat sein Team an Einsatz und Leistung nichts vermissen lassen. Jedoch wird seine Hilfestellung wie jedes Jahr notwendig sein, wenn Hektik, Stress und Aufgeregtheit am größten sind, denkt er und betritt den Stall seiner bulligen Lieblinge.
„Keine Rentierbox ist frei, alle an Bord, eine vor Kraft und Elan strotzende Stimmung“, freut er sich kurz, da sieht er es. Ein polterndes „Was ist denn hier los?“, durchbricht eine seltsame Stille. Hunderte liebliche Kulleraugen, die die Kinder so gern sehen, wenden sich ihm zu und starren ihn fragend an. Überall Zufriedenheit, Gelassenheit und Ruhe, aber auch hier und da durchdringt ein sattes Prösterchen das nach frischem Heu duftende Rund. Noch bevor der Alte etwas sagen kann, rettet Rudi, der mit der roten Nase, die Situation und spricht für alle: „Hey Alter, schön dass du nach uns schaust. Brauchst dir keine Sorgen machen, wir sind vorbereitet, alle Werte und SLAs sind gecheckt und der Echtbetrieb kann beginnen. Alles easy!“
Um diese Zeit war sonst immer Chaos, ohne seine Erfahrung ging nichts. Sein Eingreifen war notwendig, aber heute – nichts von alledem, sinniert er kurz. Bedächtig, aber bestimmt wie immer, brummt er seine Frage bis in den letzten Heuschober vernehmbar: „Wie habt ihr das denn gemacht?“ – die Überraschung schwingt in seiner Stimme mit.

Prancer, der diesmal das Sommerprojekt geleitet hatte, beginnt wie immer völlig lässig zu berichten: „Wir waren alle sehr skeptisch als Du uns letztes Jahr angekündigt hast, so eine neumodische digitale Platform für die Automatisierung unserer Abläufe einzuführen. Als es losging, haben wir verrückte Sachen erlebt, Rückschläge einstecken müssen, aber am Ende machten alle mit. Den Erfolg siehst du hier.“ Dabei hebt er seinen mit einem blickenden Etwas besetzten Kopf. „Mit dem Ding hier sind wir online, können die wichtigsten Parameter wie Laufzeiten, Routen, Pakete, Schornsteinzuschlag, Futtermenge und vieles mehr erfassen, dokumentieren, auswerten und entsprechend verbessern.“

Ungläubig blickt der Alte in die Runde. Die meisten skeptischen Rentiere sieht er im Block der erfahrenen Rentiere, die er fast alle mit Namen kennt. Anderen scheint es nur ein müdes Lächeln abzuringen. Robin, das jüngste Rentier, der dieses Jahr das erste Mal mit auf die große Runde darf, kann sich nicht mehr halten und krächzt vorlaut: „Das war doch längst fällig, im Jugendstall hatten wir das schon als Spielzeug. Damit haben wir gelernt, gespielt und unsere Ausbildung für den Einsatz optimiert. Ich dachte schon die Alten kapieren das nie!“ Kaum gesagt, können sich die Neuankömmlinge mit ihrem typischen Rentierkichern kaum noch halten. Die anderen sind sprachlos. Jetzt muss er handeln. Um Aufmerksamkeit bittend hebt der Alte die Hand, während sein Blick zu Rudi und Prancer gleitet. Sofort ist respektvolle Stille eingetreten. Wenigstens das funktioniert noch!
Jetzt braucht er erst einmal einen tiefen Beruhigungsschluck. Die Ruhe ist erwartungsvoll, alle starren ihn an und wissen, nach diesem Ritual erfolgt die Motivationsansprache für die große Auslieferungsjagd. Unterdessen lässt der Alte in aller Ruhe seinen Glühwein-Tumbler in die linke Tasche seines mächtigen Mantels gleiten. Dabei wird ihm klar, als erfahrener Leader muss er alte Gewohnheiten durchbrechen und den Wandel mit etwas Neuem symbolisch einleiten. Bevor er fortfährt, blickt er bewusst noch einmal ringsherum und entdeckt immer mehr nickende Rentiergesichter, als ahnten sie was nun kommt. Der ein oder andere hat sich etwas verändert, sieht zerzaust oder zerkratzt aus, manche sind auch richtig gealtert. Aber als die wilde Hilde ihm einen kräftigen „Knuff“ in die Seite gibt, spürt er die Kraft, die in ihr stecken muss und da geht ihm ein Lichtlein auf. Anders als er es sich vorher vorgenommen hatte, sagt er nur sehr kurz, klar und stolz: „Viel Erfolg auch weiterhin und dank euch allen für die Mitarbeit für unser digitales Weihnachtspostamt“, spricht‘s und wendet sich zum Gehen.
 
Kurze Zeit später schließt er das große Stalltor und auf dem Weg rüber zum Wichteltrakt überlegt er noch, warum das alles so gut funktioniert haben könnte. War es doch richtig, es dem Team selbst zu überlassen, sich ihrer Verbesserungspotenziale bewusst zu werden? Die digitale Basis als Vorgabe zu schaffen, war ihm schon wichtig, denn er hatte im Blick, dass alle Bereiche, von der Kinderstube beginnend so als „Spielwiese“, über die Auslieferungsabteilung, wo er gerade war, bis hin zur Logistik, davon profitieren. Dafür wollte er den Teams genügend Zeit lassen sich zu finden, sich aufzustellen und auch eigene Ideen zu integrieren. Ihm ist klar, er muss nur darauf achten, dass die alten Werte im Weihnachtspostamt bei aller Dynamik nicht verloren gehen, denn die Träume der Kinder müssen sie alle wie eh und je erfüllen: „pünktlich, richtig, individuell“. Als die jungen Wichtel aus der IT neulich über das Sommerprojekt tuschelten, vernahm er so einen neumodischen Slogan: „InTime, InQuality, InBudget“, der ihm auch gut gefallen hat. Er wird sich auch anpassen müssen, das ist ihm seit heute klar. Als er den mächtigen Türknauf zum Wichteltrakt in der Hand hält, fällt ihm erst auf, wie schnell er den sonst so weiten Weg dorthin zurückgelegt hat. Er schaut nochmal zurück, auf den tiefverschneiten Hof mit seinen fast endlosen tiefen Fußstapfen und ahnt schon, das war kein Traum, sondern nur der Anfang einer langen erfolgreichen Veränderung. Eines gibt er aber ganz sicher nicht aus der Hand. „Die Bewahrung der Tradition und Kultur ist und bleibt Chefsache!“ – murmelt’s vor sich hin und betritt den wohlduftenden, entspannt wirkenden Wichteltrakt.

Lehnen Sie sich also auch zurück, blicken auf das Gelungene, freuen sich auf die neuen Herausforderungen und die Gestaltung der Zukunft: teamorientiert, engagiert und vertrauensvoll miteinander!

Ihr anwesender Stallbursche (hinten links am Glühweinfass)
Steffen Schaar